Die Naturalis Historia ist der erste noch erhaltene Versuch das gesamte griechisch-lateinisch gefasste Wissen der Zeit als brauchbares Allgemeinwissen in lateinischer Sprache darzustellen. Plinius der Ältere hat nach dem Herausgeber Bayer ca. 100 Autoren in ca. 2000 Büchern zitierten Nachweisen, mündliche Überlieferung und vorher nicht publizierte Informationen in einem Nachschlagewerk von 37 Büchern kompiliert (1). Die Naturalis Historia wurde ca 77 n.Chr. - noch unfertig - abgeschlossen.(2)
Die heute noch erhaltenen Nachweise bis 1244 zeigen, dass es in Europa eine ununterbrochene Rezeption antiken Wissens bis zu Vinzenz von Beauvais' erster umfassender Enzyklopädie des Mittelalters gegeben hat. Obwohl bereits ab Ende des 15. Jahrhunderts zahlreiche Fehler bemerkt wurden, behielt die Naturalis Historia bis Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Autorität "als wichtige Quelle naturwissenschaftlicher Belehrung"(3). Evangelische Theologen empfahlen sie nicht aufgrund der gelieferten Fakten, sondern wegen der Gesamtanschauung als einführendes Schulbuch für die Artistenfakultät (4). Es wurden auch immer wieder Indexe erstellt, um einen besseren Zugang zum gesammelten Wissen zu erhalten; der erste von dem Franziskaner Johannes Carner verfasste gedruckte Index erschien 1514 in Wien (5).
Die Themenbereiche gliedern sich dem Verhältnis nach in dieser Weise
Folgt ein Benützer dem Inhaltsverzeichnis, das Plinius angelegt hat, so wird man feststellen, dass es keine Information zu Nerven innerhalb des Kapitels Anthropologie gibt; sie werden im Kapitel Zoologie kurz besprochen. Auf den Menschen bezogen gibt es Hinweise zu "nervi" in Buch 30 zu Medizin und Pharmakologie allerdings nur im Zusammenhang mit von Magiern empfohlenen Rezepten und Handlungsweisen.
Den Ausgangspunkt der anatomischen Beschreibung von "nervi" bei Tieren bildet das Herz; sie werden als an den Knochen verlaufend beschrieben, die innerlich die Gelenke miteinander zusammenziehen würden, während die äusserlichen "nervi" die Glieder strecken würden. (siehe Schema)
Bei der heute möglichen Wortsuche (6) erhält man detailliertere Informationen: für mit "nerv" oder "neur" gebildete Wörter gibt es insgesamt ca. 171 Nachweise. Die Wortzahl der Erklärungen innerhalb der diese Nachweise aufscheinen, steht mit ca. 0,59% in folgendem Verhältnis zur Gesamtzahl(7):
Ohne Doppelnennungen in den Inhaltsverzeichnissen und nach Abzug sich nicht auf die engere Thematik "Nervensache" beziehender Wörter (Eigennamen, Adjektivierungen) ergeben sich schließlich ca. 110 von in heutiger Begriffsbildung auf Nerven, Sehnen und Muskeln (jedenfalls in der Übersetzung Bayer) sich beziehende Einträge.
Weniger als ca. 1/3 der Information bezieht sich davon auf die Anatomie von Tier oder Mensch, mehr als ca. 3/4 auf Krankheitsbilder und deren mögliche Heilmittel.
Beim anatomischen Wissen über [nervi] bei Menschen, spielt das Zwerchfell eine bedeutende Rolle: ihm wird aufgrund der vielen feinen [nervi] auch der Sitz der Feinheit des Denkvermögens bzw. der Fröhlichkeit zugeschrieben. [nervi] finden im Zusammenhang mit dem Nacken, den Schultern, der Speiseröhre, den Nieren und Hüften Erwähnung und sollen bis in die Fingernägel reichen. (siehe Schema) [nervi] erzeugen quasi im Körper ein Kraftfeld, da die innen liegenden zusammenziehen während die aussen liegenden auseinanderstreben; sie sind neben Kopf, Geist und Unterleib kosmischem Einfluss unterworfen(8) und temperaturempfindlich (siehe auch Heilmittel unten).
Unter "Symptomatik (allgemein)" verstehe ich hier Hinweise zu Heilmitteln die ganz allgemein "nervi" nützen oder schaden.
"Spezifische Symptomatik" (Mensch, Tiere) lässt sich weiter gruppieren in
N1 Schmerzen
N2 Durchtrennte, Zerschnittene
N3 Verhärtete
N4 Krankheiten/Leiden
N5 Schwäche
N6 Krämpfe
N7 Nervenknoten
N8 schlaffe
N9 entzündete
N10 Blutfluss aus "nervi"
N11 schadet "nervi", Erregung im Gehirn
N12 angespannte
N13 Schaden
N14 Epilepsie (Magische Handlungen mit "nervi" von Hirschen)
Auffällig ist die relativ große Zahl an Heilmöglichkeiten bei zerschnittenen und durchtrennten "nervi" auch weil sie an anderer Stelle im Plinius als nicht zusammenheilbar beschrieben werden.(siehe Schema) Diese Verletzungen werden bei Rindern nachgewiesen, die beim Pflügen passieren konnten(9). Andererseits war das bewusste durchtrennen von "nervi" aber auch Jagdtechnik (10).
Die häufigsten Heilverfahren waren solche mittels Flüssigkeiten bzw. Umschlägen oder unveränderten natürlichen Heilmitteln aber auch Behandlungsmethoden die Wärme involvierten.
Quellen: 1)Plinius/Bayer.Naturalis Historia. Nachwirkungen.S.364ff.Sammlung Tusculum. DeGruyter.[Online-Ed 2013 www.degruyter.com/viewbooktoc/product/232290]2)ebda, S.354. 3)ebda, S.373.4)ebda, S.372. 5)ebda. 6)Die Genauigkeit dieser technischen Möglichkeit wird für dieses Projekt nicht hinterfragt.7)[Detaillierte Angaben zur Berechnung noch einfügen]8)Buch 2, S.88f: "Einige stehen unter dem Anhauch des Gestirns [gemeint ist der Hundsstern Sirius], andere leiden zu bestimmten Zeiten an Unterleibn, an den [nervi], an Kopf und Geist." 9) Buch 24, Kap 152: "[...] unter Zusatz von Fett soll es durch die Pflugschar durchtrennte [nervi] von Rindern ruhigstellen und wieder zusammenheilen lassen".10) Buch 8, Kap. 26: "[Jagdtechnik auf Elefanten in Äthiopien]"Mit der Linken greifen sie den Schwanz und stemmen die Füße auf den linken Schenkel; so hängend hauen sie mit einer in der rechten Hand befindlichen sehr scharfen zweischneidigen Axt in das eine der beiden Knie und durchschneiden, wenn dieser Fuß gelähmt ist, dem flüchtenden Tier die [nervi] des anderen; dies alles vollführen sie mit der größten Geschwindigkeit."